Menschen

„Ich wäre der neue Willy Brandt“

…wie Ingo Appelt die SPD retten würde und warum Männer noch nicht verloren sind

Es war voll im Spiegelzelt Ende August, als Ingo Appelt sich zwei Abende lang bemühte, die Männer – so der Titel seines Programms – „Besser… ist besser!“ zu machen. Mindestens mal bemerkenswerte Denkanstöße hat der umtriebige Komiker, der sich selbst als hyperaktiv bezeichnet, den Gästen aber mitgegeben. Interview mit ihm zu führen ist daher ein echtes Vergnügen. Nur ein bisschen anstupsen muss man, schon sprudelt es aus ihm heraus. Unkompliziert und eingeleitet mit „Ich bin ‚Du‘ und der Ingo“ konnten wir mit ihm zwischen seinem Sommerurlaub und dem Auftritt in Dortmund sprechen.

TOP Magazin: Du hast ja auch eine Tochter… was gibst du der denn mit als Bedienungsanleitung für Männer? Man möchte doch, dass das Kind alles richtig macht und mal glücklich wird.

Ingo Appelt: Bei den Mädels läuft alles richtig, die Jungs sind im Grunde das Problem. Zu Frauen kann man eigentlich nur sagen „erwarte nicht zu viel, die bringen es ja eh nicht“. Den Prinzen auf dem weißen Pferd gibt es nicht. Bei den Männern muss man sagen „guckt euch um, die Welt hat Angst vor euch“. Also wenn ich mir Boris Johnson angucke, da kommt ja schon wieder so ein Donald Trump. Man kann vor Männern nur Angst haben, man kann Männern nicht vertrauen … unser Image ist im Keller. Frauen musst du höchstens davor bewahren, dass sie mega frustriert sind, denn Frauen neigen leider dazu – wie alle momentan – viel zu hohe Erwartungen an sich und ans Leben zu stellen. Die Menschen sind einfach Wesen, die immer zu viel erwarten und am Ende rumheulen, dass es nicht so ist.

Das neue Programm heißt „DER STAATS-TRAINER!“, bzw. in Dortmund „Besser… ist besser“…

Ich merke überhaupt, dass alle frustriert sind, nicht nur Männer und Frauen, auch die Kinder. Dann versuche ich, erst mal gute Laune zu schaffen. Im Urlaub mach‘ ich selbst ja das Handy aus. Da wirst du immer leichter. Dann kommst du heim, siehst die Weltklimakatastrophe, Trockenheit in Brandenburg, Anschläge, Tote, der Irrsinn rennt schon wieder. Tatsächlich kriegst du erst mal schlechte Laune, wenn du dich mit dem Internet beschäftigst und mit Zeitungen. Und dann denkst du „Scheiße, jetzt musst du daraus auch noch Witze machen“. Das ist anstrengend. Da merke ich erst mal, was für eine Belastung dieser Beruf ist. Wir müssen aus Frustration Frohsinn produzieren. Und ich habe mir in meinem Programm zur Aufgabe gemacht, den Menschen das Jammern wieder abzutrainieren.

In deinem Pressetext wirst du als so eine Art „Martin Rütter für Männer“ beschrieben. Aber wenn wir bei dem mal genauer hinschauen, sehen wir doch, dass das Problem nie der Hund ist, sondern eher das andere Ende der Leine.

Genau. Der Verantwortliche. Das ist das, was man mit den Frauen regeln muss.

Also… Achtung Steilvorlage… sind wir am Ende schuld daran, dass ihr Männer so seid?

Letztendlich ja. Das habe ich jetzt auch bei der Erziehung meiner Kinder gesehen. Wenn man kleinen Jungs erzählt, sie wären die Größten der Welt ist das schon eine Sache. Und dann haben sie es mit

der stärksten Person der Weltgeschichte zu tun, der Mama. Die Mama ist die, die alles weghaut, die sich mit dem Schulrektor anlegt, mit dem Vater, mit dem Staat… aber wenn der kleine Rotzlöffel sagt „Mama, mir ist die Erbse runtergefallen“, dann springt sie. Da denkt er natürlich, er wäre das Tollste der Welt. Und das ist dieser Irrglaube, mit dem Männer rumlaufen. Deswegen müssen wir Männer besser erziehen. Aber Männer lassen sich von Frauen ungern was sagen. Die wollen gar nicht in den Status des Hundes einsteigen. Die wollen ja der Rudelführer sein. Das müssen wir den Männern abgewöhnen. Da will ich den Frauen zur Seite springen. Wir messen den Männern immer noch zu hohe Bedeutung bei. Haben auch Angst vor Männern. Die S-Bahnlinie S7 in Berlin, die fährt durch bis zu uns und meine Frau arbeitet im Friedrichstadtpalast. Sie kommt aber immer mit dem Taxi heim. Ich bin dann mal mit ihr zusammen in die S-Bahn gestiegen, seitdem verstehe ich, dass sie da nicht alleine fährt.

Wie bist du damit umgegangen, als im Jahr 2000 deine Sendung plötzlich abgesetzt wurde. Es gab da ja eine ziemliche Fallhöhe…

Man ist nicht mehr klar in der Birne. Man gilt auch als arrogant und abgehoben. Also insgesamt, dieses ganze Desaster damals, du wirst abgesetzt und fängst noch mal von vorne an. Ich habe gejammert, gejault und mit meinem Schicksal gehadert. Aber am Ende des Tages – ich stehe heute eigentlich super da, das ist das Beste, was mir je passiert ist. Ich habe eine tolle Frau seit 14 Jahren, ich habe erwachsene Kinder, die auch zu mir kommen und die meine Karriere überhaupt nicht interessiert. Wenn ich jetzt, fast 20 Jahre nach dem Desaster bilanziere, sage ich, es geht mir besser denn je. Es ist jetzt genau diese Größenordnung, die mir liegt. Ich bin ja kein Superstar, ich bin erreichbar. Ich spiele nicht in irgendwelchen riesigen Stadien, ich brauche auch keine Security. Natürlich mache ich schon mal das eine oder andere Selfie in der Stadt. Ich werde aber nicht belagert. Ich hab dann eher das Gefühl, ich bin so etwas, wie der Bürgermeister. So wie mein Job jetzt ist, das ist machbar. Okay… natürlich stehe ich auch ein bisschen drauf, Ingo Appelt zu sein, das gebe ich auch zu.

Aber du kannst ja auch was, was andere nicht können. Wie sieht es aus mit lokalen Witzen an den jeweiligen Orten?

Ich frage immer direkt die Leute. Und ich habe ja auch selbst 11 Jahre im Ruhrgebiet gelebt. Meine Mutter ist geborene Essenerin. Aber es ist jetzt nicht so, dass ich mir da jetzt die Zeitung schnappe und mich in die Lokalpolitik einlese. Das mache ich lieber im persönlichen Gespräch.

Apropos Politik. Du bist immer noch SPD-Mitglied. Die sind ja recht verzweifelt gerade. Nehmen wir jetzt mal an, da käme man auf die etwas abgefahrene Idee, dich zum neuen Vorsitzenden zu machen. Wie würdest du dann die SPD retten?

Ich würde die SPD erst mal zumachen. Dann werden wir alle raussortieren. Ich mache einen Riesenaufruf „Rettet die Volkspartei!“. Nur 1% der Deutschen ist in einer Partei. Aber alle wollen gute Politik haben. Und dann müsste man das alles neu gründen. Man müsste eine neue Plattform finden statt Partei. Partei scheint nicht zu funktionieren. Es sind ja immer weniger Menschen bereit, sich für etwas zu engagieren, wie das Klima oder andere politische Ziele. Die Wahlbeteiligung ist zwar gestiegen, aber nicht die Verbindlichkeit. Die Leute sollen mitmachen, nicht nur meckern und irgendwo im Internet irgendwelche Einträge hinterlassen. Spannend ist dieser Rezo oder diese Kinderbewegung. Überhaupt, das Ganze über Youtube zu machen, wo Rezo 15 Mio. Menschen erreicht hat. Wenn das von der Bundeskanzlerin ausgegangen wäre, hätten sich das 120.000 Leute angeguckt, wenn überhaupt. Die Politik ist die Aristokratie des 21. Jahrhunderts. Die sterben weg und wollen es nicht wahrhaben.

Was ist denn los mit unserer Demokratie?

Die SPD hat 450.000 Mitglieder, ist eine der größten Parteien in ganz Europa und ist trotzdem bedeutungslos. In Österreich, die ÖVP, die hat 500.000 Mitglieder, in einem Land, das aber nur ein Zehntel der Einwohner der Bundesrepublik hat. Dann gucken wir mal nach England auf die jetzt regierende Partei von Boris Johnson, die Tories, die haben 180.000 Mitglieder, aber nur 80.000 haben für Boris Johnson gestimmt. Das muss man sich mal vorstellen! Das ist doch keine Demokratie. Das ist nicht repräsentativ, nicht demokratisch. Willi Brandt hat immer gesagt „Mehr Demokratie wagen“. Genau. Ich wäre der neue Willi Brandt.

Info

Ingo Appelt, der seit 1993 hauptberuflich als Komiker unterwegs ist, wurde einem breiteren Publikum vor allem durch seine Auftritte bei RTL Samstag Nacht bekannt und hatte eine eigene Show auf Pro Sieben, die im November 2000 abrupt endete. Nach einer Pause arbeitete er sich ein Jahr später in der Publikumsgunst wieder nach oben, war Anchorman der populären Comedyshow Freitag Nacht News und ist seitdem wieder regelmäßig im TV und auf den Bühnen unterwegs. Derzeit ist er mit seinem Programm „DER STAATS-TRAINER!“ auf Tour.

Vielen Dank für das Gespräch!

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